Einführung in Mixed Methods Forschungsdesigns
In dieser ersten Folge des Podcasts zum Modul Mixed Methods Forschungsdesigns geben Joahanna und Michael einen lockeren, aber fundierten Einstieg in das Thema. Ausgehend von den organisatorischen Rahmenbedingungen des Moduls und dem Leistungsnachweis besprechen sie, was Studierende im Semester erwartet. Anschließend erklären sie, was unter Mixed Methods zu verstehen ist, wie sich qualitative und quantitative Forschung unterscheiden und welche Rolle die Paradigmen-Debatte und der Pragmatismus spielen.
Zum Abschluss diskutieren sie die Gründe, warum Mixed-Methods-Ansätze in der Forschung gebraucht werden, greifen die im Kurs zentralen sechs Gründe nach Creswell & Plano Clark (2011) auf und verknüpfen diese mit anschaulichen Beispielen aus Personalpsychologie, HR-Praxis und angewandter Forschung.
Chapter 1
Willkommen im Modul – Rahmen, Zeitplan und Leistungsnachweis
Joahanna
Willkommen zur ersten Folge unseres Podcasts Mixed Methods Forschungsdesigns. Ich bin Joahanna, ich arbeite in einer HR-Agentur und freu mich total, euch durch dieses Modul zu begleiten.
Michael
Und ich bin Michael, Journalist mit einem Faible für neurowissenschaftliche und methodische Themen. Ich bin so ein bisschen der Zahlen-Nerd mit Storytelling-Tick hier im Duo, könnte man sagen.
Joahanna
Vielleicht hören uns manche von euch gerade auf dem Weg zur FHNW oder beim Kaffee zu Hause. Diese Folge ist sozusagen euer akustischer Einstieg ins Modul Mixed Methods Forschungsdesigns. Wir schauen uns an, was euch im Semester erwartet und wie dieser Podcast euch dabei unterstützen kann. In dieser ersten Folge bekommt ihr ein erstes Gefühl dafür, warum Mixed Methods überhaupt ein Thema ist, das ein eigenes Modul und einen eigenen Podcast verdient. Und damit sind wir schon beim inhaltlichen Kern.
Chapter 2
Was sind Mixed Methods? Von Scheinwerfern, Paradigmen und vier Perspektiven
Michael
Bevor wir über Mixed Methods sprechen, macht es Sinn, sich die beiden Pole anzuschauen, zwischen denen wir uns bewegen: quantitative und qualitative Sozialforschung. Auf euren Folien ist das mit einer schönen Metapher illustriert: dem Suchscheinwerfer und der Fokusleuchte.
Joahanna
Quantitative Sozialforschung ist wie ein großer Suchscheinwerfer, der eine ganze Fläche ausleuchtet. Ihr bekommt einen Überblick, könnt zählen, Häufigkeiten und Zusammenhänge schätzen. Aber: Es gibt starke Schatten, manches bleibt im Dunkeln, und die Forscherin steht eher im Hintergrund, möglichst unbeteiligt.
Michael
Qualitative Forschung dagegen ist wie eine Fokusleuchte auf ein einzelnes Objekt. Ihr seht Details, individuelle Merkmale, erlebt die Perspektive der Beteiligten viel unmittelbarer. Dafür bleibt der Hintergrund im Schatten, ihr wisst nicht unbedingt, wie repräsentativ das ist. Und die Forschenden sind oft nah dran, manchmal selbst im Lichtkegel.
Joahanna
In der HR-Praxis erlebe ich das genauso. Wenn ich eine große Mitarbeiterbefragung mache, habe ich super viele Daten auf einen Blick: Zufriedenheit, Bindung, Belastung, alles in Zahlen. Aber ich weiß nicht, warum jemand einen bestimmten Wert angekreuzt hat. In Interviews oder Fokusgruppen bekomme ich dann die Geschichten dahinter, aber halt nur von wenigen Personen.
Michael
Im Journalismus ist es ähnlich. Eine repräsentative Umfrage zu einem Thema ist toll, wenn ich Schlagzeilen wie 60 Prozent der Befragten wünschen sich XY schreiben will. Aber die spannende Reportage entsteht oft, wenn ich eine Person begleite, ihre Geschichte erzähle, also qualitativ tief eintauche. Beides hat Stärken und Grenzen.
Joahanna
Und genau da setzt Mixed Methods an. Auf der Folie mit der Definition von Johnson, Onwuegbuzie und Turner steht, dass Mixed Methods Forschung die Elemente qualitativer und quantitativer Ansätze kombiniert – also Sichtweisen, Datenerhebungen, Auswertungen oder Schlussfolgerungen – mit dem Ziel von Breite und Tiefe des Verständnisses und zur Absicherung von Ergebnissen.
Michael
Creswell und Plano Clark beschreiben dazu sechs Charakteristika. Wichtig ist erstmal: In Mixed Methods Studien werden sowohl quantitative als auch qualitative Daten erhoben und ausgewertet, und zwar nicht zufällig, sondern basierend auf klar formulierten Forschungsfragen.
Joahanna
Dann werden diese Daten nicht nur nebeneinander gestellt, sondern irgendwie gemischt, integriert oder gekoppelt. Das kann in einer Kombination passieren, in einer zeitlichen Aufeinanderfolge, also sequenziell, oder indem man eine Methode in die andere einbettet. Das werdet ihr in den späteren Sitzungen und Beispielstudien genauer kennenlernen.
Michael
Ein weiteres Merkmal ist die Frage der Priorität: Liegt der Fokus eher auf dem quantitativen Teil, eher auf dem qualitativen oder sind beide gleich gewichtet? Das muss im Design bewusst entschieden und begründet werden, sonst hat man nur zufällig zwei Methoden in einem Projekt.
Joahanna
Und Mixed Methods kann in einer einzigen Studie stattfinden oder in mehreren Phasen eines größeren Forschungsprogramms. Auf einer eurer Folien seht ihr, dass das Ganze außerdem in philosophische Ansichten und theoretische Foki eingebettet ist und in ein konkretes Forschungsdesign gegossen wird, das das Vorgehen strukturiert.
Michael
Historisch gesehen hat sich das nicht über Nacht entwickelt. Auf euren Folien ist der Weg in vier Phasen dargestellt: von den ersten Versuchen in den 1960ern, über eine längere Paradigmen Debatte, hin zur Vereinheitlichung und Reflexion ab Ende der 1980er, bis zur Expansion ab etwa 2005, in der Mixed Methods in immer mehr Disziplinen und Ländern angekommen ist.
Joahanna
Die Paradigmen Debatte ist dabei ein Kernpunkt. Es stehen sich grob gesagt normative, post positivistische Perspektiven und interpretative, konstruktivistische Perspektiven gegenüber. Die einen fokussieren eher auf Determinierung, Reduktion von Komplexität und Messung, die anderen auf Verstehen, Mehrdeutigkeit und Rekonstruktion.
Michael
Die spannende Frage war und ist: Können diese Weltsichten überhaupt in einer Studie kombiniert werden? Oder braucht es dafür eine eigene, dritte Perspektive? In der Mixed Methods Literatur wird häufig der Pragmatismus betont – eine handlungsorientierte, problemorientierte und praxisnahe Haltung, die sagt: Wir wählen die Methoden, die für die Forschungsfrage am hilfreichsten sind.
Joahanna
Ein weiteres Hilfsmittel, das ihr auf den Folien findet, ist der Vier Perspektiven Ansatz von Ken Wilber. Da wird zwischen Innen- und Außensicht und zwischen individueller und kollektiver Ebene unterschieden. So entstehen vier Felder: individuelle Innensicht, individuelle Außensicht, kollektive Innensicht und kollektive Außensicht.
Michael
In der Übung im Kurs nehmt ihr euch das Beispiel Smartphone Nutzung vor. Aus individueller Innensicht geht es um das subjektive Erleben: Warum greife ich ständig zum Handy, wie fühlt sich das an? Aus individueller Außensicht betrachtet ihr beobachtbares Verhalten, also zum Beispiel Nutzungsdauer oder App Logfiles.
Joahanna
Auf der kollektiven Innensichtsebene geht es um geteilte Bedeutungen und Kultur, etwa Normen in Peer-Gruppen dazu, ob es okay ist, während eines Meetings aufs Smartphone zu schauen. Und bei der kollektiven Außensicht schaut ihr auf soziale Systeme und Strukturen, also zum Beispiel technische Infrastrukturen oder Nutzungsstatistiken ganzer Organisationen.
Michael
Mixed Methods hilft euch, mehrere dieser Perspektiven sinnvoll zu kombinieren. Mehr Perspektiven bedeuten eine erweiterte Sicht, aber auch höhere Komplexität. Deshalb ist es wichtig, Prioritäten bewusst zu setzen. Und genau das werdet ihr im Laufe des Moduls am eigenen Forschungsvorhaben üben.
Chapter 3
Warum Mixed Methods? Sechs Gründe und praktische Beispiele
Joahanna
Auf einer Folie im Skript wird kritisch gefragt: Wozu ist dieses scheinbar lose Bündel an Verfahren und Merkmalen überhaupt gut? Brauchen wir Mixed Methods wirklich, um gute Forschung zu machen? Das ist eine berechtigte Frage.
Michael
Creswell und Plano Clark geben darauf eine recht klare Antwort, indem sie sechs typische Gründe nennen, wann Mixed Methods sinnvoll oder sogar notwendig sind. Gehen wir die mal durch – und verknüpfen sie mit Beispielen, wie ihr sie später in eurem Proposal nutzen könntet.
Joahanna
Grund eins: Mixed Methods werden benötigt, wenn eine Datenquelle nicht ausreicht. Manchmal habt ihr das Gefühl, dass eine einzelne Methode nur die halbe Wahrheit liefert. Quantitative Forschung kann viele Individuen abdecken, aber nur wenige, vorher festgelegte Variablen. Qualitative Forschung kann viele, auch unerwartete Variablen abdecken, aber nur wenige Individuen.
Michael
Stellt euch vor, ihr untersucht die Wahrnehmung eines neuen Online-Bewerbungssystems. Mit einem Online-Fragebogen könnt ihr viele Bewerberinnen und Bewerber erreichen und ihre Zufriedenheit messen. Aber warum genau sie zufrieden oder unzufrieden sind, bleibt unklar. Ergänzt ihr das durch Interviews, bekommt ihr genau diese Tiefe.
Joahanna
Grund zwei: Mixed Methods werden wichtig, wenn erste Ergebnisse erklärungsbedürftig sind. Manchmal liefert euch eine erste Erhebung ein Ergebnis, das ihr nicht richtig versteht. Typischerweise macht man dann zunächst eine quantitative Studie und im Anschluss eine qualitative, um die Befunde besser einordnen zu können.
Michael
Ein Beispiel wäre eine Mitarbeiterbefragung, in der eine Abteilung überraschend niedrige Werte bei wahrgenommener Fairness zeigt, obwohl objektive Kennzahlen gut aussehen. Eine anschließende qualitative Phase mit Fokusgruppen könnte aufdecken, dass bestimmte Kommunikationsprozesse als intransparent erlebt werden.
Joahanna
Grund drei: Mixed Methods helfen, wenn explorative Ergebnisse generalisiert werden sollen. Hier startet man oft qualitativ – zum Beispiel mit Interviews, um relevante Fragen, Variablen oder Theorien zu generieren – und prüft diese dann in einer zweiten, quantitativen Erhebung an einer größeren Stichprobe.
Michael
Nehmen wir ein Thema wie Homeoffice-Erleben. In einer qualitativen Vorstudie könnt ihr in Tiefeninterviews herausarbeiten, welche Aspekte für psychische Gesundheit und Produktivität wirklich relevant sind. Daraus entwickelt ihr eine Skala und testet sie anschließend in einer quantitativen Online-Befragung mit vielen Beschäftigten, um zu sehen, wie weit sich die Muster verallgemeinern lassen.
Joahanna
Grund vier: Mixed Methods werden eingesetzt, um Ergebnisse durch eine weitere Methode anzureichern. Oft ist das eine qualitative Methode als integriertes Add-on zu einer quantitativ dominierten Studie. Ihr habt dann zum Beispiel einen großen Fragebogen und ergänzt einige offene Fragen oder Interviews, um das Bild zu vervollständigen.
Michael
Genau das seht ihr auch in einer der Beispielstudien im Skript, etwa bei der Mixed Methods Studie zur Lebensmittelsicherheit von Meysenburg und Kolleginnen. Dort werden quantitativer Fragebogen und qualitative Elemente kombiniert, um Wissen, Praktiken und Überzeugungen von Personen, die für die Essenszubereitung verantwortlich sind, umfassend zu verstehen.
Joahanna
Grund fünf: Mixed Methods werden benötigt, wenn ein theoretischer Ansatz mehrere Perspektiven erfordert. Manche Theorien beziehen sich gleichzeitig auf objektive Strukturen und subjektives Erleben oder Handeln. Mit nur einer Methode würdet ihr dem nicht gerecht werden.
Michael
In der Soziologie gibt es zum Beispiel Theorien, die das Zusammenspiel von strukturellen Bedingungen und individuellem Handeln betonen. Da passt der Vier Perspektiven Ansatz von Wilber sehr gut: Ihr braucht Daten zur kollektiven Außensicht, etwa Statistiken oder Netzwerkanalysen, und gleichzeitig Einsichten in kollektive und individuelle Innensichten, also Erleben und Bedeutungen. Mixed Methods ermöglicht solche mehrschichtigen Designs.
Joahanna
Und schließlich Grund sechs: Mixed Methods werden eingesetzt, wenn ein Forschungsdesign mit mehreren Phasen erforderlich ist. In großen Projekten werden oft mehrere Studien miteinander verknüpft, mit unterschiedlichen Methoden, teils parallel, teils nacheinander. Damit das sinnvoll zusammenpasst, braucht es eine gute Planung und Integration.
Michael
Ein Beispiel wäre ein mehrjähriges Projekt zu digitalem Lernen in Schulen: zunächst qualitative Fallstudien an einzelnen Schulen, dann eine große quantitative Befragung, dann wieder qualitative Vertiefungen in besonders interessanten Fällen. Jede Phase baut auf der vorherigen auf, und insgesamt entsteht ein Bild, das mit nur einer Methode kaum zu erreichen wäre.
Joahanna
All diese Gründe klingen erstmal anspruchsvoll, aber sie sind auch eine Einladung. Euer Proposal in diesem Modul ist eine geschützte Umgebung, in der ihr ausprobieren könnt, wie ihr solche Überlegungen konkret macht. Welche Kombination von Methoden braucht eure Fragestellung wirklich? Wo reicht eine einzelne Methode, und wo nicht?
Michael
Auf einer der letzten Folien werden auch die Herausforderungen benannt: Ihr müsst quantitative und qualitative Methoden einigermaßen beherrschen, Mixed Methods kostet oft mehr Ressourcen, also Zeit und Aufwand, und es gibt nach wie vor Diskussionen um Akzeptanz und Mehrwert. Das heißt, ihr müsst gut begründen können, warum ihr Mixed Methods wählt.
Joahanna
Im Modul werdet ihr genau dafür das Rüstzeug bekommen. Ihr schaut euch Beispielstudien an, wie die Arbeit von Zenger zu synchronen und asynchronen Videointerviews im Bewerbungsprozess, und übt das Formulieren und Strukturieren eines eigenen Designs. Und hoffentlich merkt ihr dabei auch: Das macht Spaß, weil es der Komplexität realer Probleme näher kommt.
Michael
Für diese erste Folge wollen wir hier einen Punkt machen. Ihr wisst jetzt, wie das Modul aufgebaut ist, was der Leistungsnachweis von euch verlangt, was Mixed Methods im Kern bedeutet und warum es überhaupt sinnvoll sein kann, Methoden zu kombinieren.
Joahanna
In den nächsten Folgen steigen wir dann tiefer in konkrete Mixed Methods Designs ein und schauen uns Schritt für Schritt an, wie ihr von einer ersten Idee zu einem tragfähigen Forschungsplan kommt. Bis dahin könnt ihr schon mal überlegen, welches Thema euch so interessiert, dass ihr euch ein Semester lang damit beschäftigen wollt.
Michael
Danke, dass ihr dabei wart. Hört euch die Folge gern noch mal parallel zu den Folien an, wenn ihr das Skript durcharbeitet. Und bringt eure Fragen mit in die nächste Sitzung – Mixed Methods lebt von Neugier und vom Diskutieren.
Joahanna
Dann sagen wir für heute: Macht’s gut, viel Erfolg beim Start ins Modul und bis zur nächsten Folge von Mixed Methods Forschungsdesigns.
Michael
Tschüss zusammen, bis bald.